Für die Neudefinition der kulturellen Identität Wiens und Österreichs nach dem Ersten Weltkrieg spielten das Thema „Wohnen“ und Fragen des Einrichtens eine entscheidende Rolle:
16.12.2026—2.5.2027
Untere Ausstellungshalle
Sie wurden auf breiter Basis debattiert und wirkten sich durch Vorträge, Ausstellungen und Publikationen auf den gesellschaftspolitischen Diskurs der Zeit aus. Zentral war dabei nicht allein die Frage, welche Wohnformen der neuen, demokratisch verfassten Republik angemessen wären, sondern auch diejenige, wie sich die Wohnungsnot der Bevölkerung durch sozialen Wohnbau lindern ließe.

Die soziokulturelle Gestaltungsaufgabe des Wohnens, wie sie sich in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen in Wien stellte, macht das MAK in einem innovativen Ausstellungsprojekt erfahrbar. Für die Inszenierung dieses „Wohnexperiments“ konnte die renommierte Bühnenbildnerin Anna Viebrock gewonnen werden, die dafür bekannt ist, mit ihren einprägsamen Räumen unseren Blick auf die Vergangenheit herauszufordern und Unaufgearbeitetes in die Gegenwart zu holen.
In einer raumgreifenden Installation in der MAK Ausstellungshalle wird sie die umfangreichen Sammlungsbestände des MAK aus der politisch brisanten Zeit der ersten österreichischen Republik (1918–1934) und des austrofaschistischen Ständestaats (1934–1938) inszenieren – und dabei einen „Erfahrungsraum“ entstehen lassen, der besondere Sensibilität erfordert. Denn mit dem Austrofaschismus wurde das Ende der spezifisch Wienerischen Wohnkultur der Zwischenkriegszeit, die stark von jüdischen Architekten wie Josef Frank, Oskar Wlach, Hugo Gorge oder Oskar Strnad geprägt war, bereits vor der Eingliederung Österreichs in das nationalsozialistische Deutsche Reich 1938 eingeläutet.

Während es unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg vor allem um leistbare Wohnungs-einrichtungen für die kriegsbetroffene Bevölkerung und das Proletariat ging, standen im Laufe der 1920er Jahre zunehmend auch bürgerliche und großbürgerliche Wohnkonzepte zur Debatte. Die Neue Wiener Wohnkultur unterschied sich deutlich von den „Gesamtkunstwerken“ der Jahrhundertwende und auch von den zeitgenössischen Ansätzen anderer europäischer Zentren. Ausschlaggebend dafür war der neue „Humanismus“: Das Augenmerk lag weniger auf formalen oder ökonomischen Überlegungen als vielmehr auf dem Komfort und den persönlichen Bedürfnissen der Bewohner*innen.

Eine kaum zu überschätzende Rolle spielte dabei das Österreichische Museum für Kunst und Industrie – das heutige MAK: Es orientierte die Bevölkerung in Wohnungsfragen und positionierte das Wiener Kunstgewerbe in nationalen und internationalen Ausstellungen. Zu den namhaften Vertreter*innen der neuen Wiener Wohnkultur zählen neben den bereits genannten Gestaltern etwa Viktor Lurje, Ernst Plischke, Walter Sobotka, Ernst Lichtblau, Fritz Gross, Ernst Schwadron, Josef Hoffmann, Oswald Haerdtl und Dagobert Peche – und erstmals auch weibliche Gestalterinnen wie Margarete Schütte-Lihotzky, Ella Briggs, Friedl Dicker, Jutta Sika, Liane Zimbler, Maria Likarz, Mathilde Flögl, Felice Rix-Ueno, Vally Wieselthier und Gudrun Baudisch.

Zur Ausstellung erscheint eine umfangreiche Publikation.

Kurator: Sebastian Hackenschmidt, Kustode MAK Sammlung Möbel und Holzarbeiten Künstlerische Konzeption: Anna Viebrock